Einfach mal aus dem Fenster schauen

Für meinen Weg zur Arbeit nutze ich fast jeden Tag die Stadtbahn-Linie U9 vom Stuttgarter Hauptbahnhof nach Stuttgart-Wangen. Bevor mein Arbeitgeber von Möhringen nach Wangen umzog, verlief die morgendliche Strecke größtenteils durch Tunnels über die Weinsteige und Degerloch. Dort gab es also nicht viel zu sehen – wobei man mit einem der schönsten Blicke auf die Stadt im Kessel entschädigt wird, wenn die Bahn den dunklen Tunnel kurzzeitig verlässt. Dennoch blieb viel Zeit zum Lesen auf der Fahrt. Die Reise nach Wangen hingegen ist überwiegend oberirdisch und sehr abwechslungsreich. Natürlich kennt man die Strecke nach ein paar Fahrten in- und auswendig. Aber dennoch hatte ich heute morgen viel mehr Lust darauf, den Trubel in der aufwachenden Stadt entlang der Strecke zu beobachten, anstatt mich wieder in meinem Kindle-Roman zu vertiefen und mich von der Außenwelt geradezu abzuschotten.

Ich fühlte mich heute morgen sehr an ein ähnliches Erleben der Stadt erinnert, das ich bei einer Vorstellung der Stuttgarter Theatergruppe Lokstoff hatte, was sicher auch daran liegt, dass man beim Stück „Vorher/Nachher“ mit einem Bus in ganz ähnlichen Gegenden unterwegs ist, die ich nun fast jeden Morgen durchfahre. Dieses Gefühl, die Stadt durch einen neuen Blickwinkel, eine aufgesetzte Brille, als  Kulisse für ein Theaterstück zu erleben, dieses Verschwimmen von Realität und Schauspiel fand ich damals sehr beeindruckend und das spannende ist, ich kann es auch im Alltag wahrnehmen, wenn ich mich darauf einlasse und einfach mal aus dem Fenster schaue, statt in mein Buch oder Kindle oder in den RSS-Reader. 

Bei der Lokstoff-Fahrt durch das abendliche Stuttgart hat mich vor allem der etwas andere Blickwinkel auf die durch und durch von Kommerz bestimmte „Stadtmöblierung“  sehr nachdenklich gemacht. Bei der Fahrt zur Arbeit gilt der Blick eher den Menschen. Und ist es nicht so, dass hinter jedem dieser Menschen da draußen – natürlich auch jenen in der Bahn, und ich nehme mich da selbst gar nicht aus – ein kleiner Schauspieler steckt, oder zumindest jemand, der in gewisser Weise eine Maske trägt?

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