Höhlenmenschen bei SPON?

Bei SPON kommentierte ein Herr namens Claus Christian Malzahn zum Thema Antiamerikanismus. Sein Anlass: laut einer Umfrage halten 48% der Deutschen die USA für gefährlicher als Iran. Für Herrn Malzahn mag dies Antiamerikanismus sein, wenn man erst einmal die Fakten vergleicht, werden im Namen und Auftrag der USA aber deutlich mehr Menschen umgebracht als im Namen und Auftrag des Iran. Antiamerikanismus oder objektive Betrachtung der Sachlage? In amerikanischen Internierungslagern auf Kuba wurden zeitweise bis zu 1000 Menschen (Menschen! Ich fürchte, man muss es extra dazu sagen) ge3en jede rechtliche Grundlage unter widrigen Umständen festgehalten und teilweise sogar gefoltert. Viele von ihnen noch immer. Der „Aufschrei“ der westlichen Nationen ist relativ zurückhaltend, auch in den Medien spielen die Internierungslager auf Guantanamo eher eine untergeordnete Rolle. Aber wenn sich 15 britische Marinesoldaten bewaffnet der iranischen Küste nähern und deshalb (also immerhin mit der konkreten Anschuldigung, iranisches Hoheitsgebiet verletzt zu haben, ob diese nun berechtigt ist oder nicht) vom Iran für einige Tage (sicher nicht unter luxuriösen Bedingungen und auch zu Propagandazwecken) festgesetzt werden, ist der Bohei allerorten riesig.

Um das Weltbild von Herrn Malzahn besser verstehen zu können, muss man seinen Kommentar weiter lesen. Dort bezeichnet er es als bigott, wenn man „sich abends die neuesten Folgen von „24“ reinziehen und am nächsten Morgen über Guantanamo klagen“ würde. Kurze Erklärung: „24“ ist eine amerikanische Fernseh-Serie, nicht etwa Dokumentation sondern Fiktion. Die „Random Jack Bauer Quotes“ auf dieser Website stammen aus dieser Serie. Jack Bauer arbeitet in dieser Serie als Aussenagent für eine fiktive (!) Anti-Terror-Organisation der US-Regierung – und ist bei der Auswahl seiner Verhörmethoden nicht gerade sehr zimperlich, schliesslich hat er immer weniger als 24 Stunden Zeit, die Welt (oder zumindest die USA) vor weiteren terroristischen Anschlägen zu warnen. „Gefahr im Verzug“, wie man juristisch so schön sagt. Trotzdem erlaubt kein Menschenrecht der Welt die von Jack Bauer angewandten Methoden – aber hier kommt auch gleich der wichtigste Unterschied ins Spiel: Welt – Fiktion. Genau so wie Jack Bauers Methoden ist auch der Terrorismus, der in „24“ dargestellt wird, fiktional. Und ich denke, die meisten „24“-Fans wissen sehr wohl, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden.

Eine sehr schöne Antwort auf Malzahns Bigotterie-Vorwurf bietet heute ein Satz von Malte bei Spreeblick: „[…]nur Neandertaler beißen in die Höhlenwand, wenn sie dort die Zeichnung eines Büffels sehen.„. Um einer Beleidigungsklage vorzubeugen, gehe ich bei dem SPON-Kommentatoren statt von mangelndem Evolutionsfortschritt lieber von einer etwas defizitären Medienkompetenz aus.

Auch spricht Herr Malzahn von den „wahnsinnigsten Verschwörungstheorien“ gegenüber den USA. Verschwörungstheorie scheint das neue KO-Kriterium zu sein, Andersdenkende mundtot zu machen. Dass es in der Realität durchaus Beispiele für wirkliche Verschwörungen gibt (nicht nur Verschwörungs“theorien“), die dann auch gerne mal Terroristen in die Schuhe geschoben wurden, blendet er geflissentlich aus. Das Gladio-Netzwerk von NATO, CIA und britischem MI6 war (ist?) nämlich – ebenso wie z.B. das Celler Loch – alles andere als Fiktion. Selbst das Abgleiten der deutschen Studentenbewegung in die Gewalt geschah ja – wenn auch verdeckt – nicht ohne Hilfe staatlicher Stellen… Und man darf wohl davon ausgehen, dass von den Operationen, die die CIA auf diesem Gebiet verübt hat, nur die wenigsten tatsächlich je bekannt werden (oder ist es etwa schon wieder eine Verschwörungstheorie, wenn man einem Geheimdienst unterstellt, sein Handwerk einigermassen zu beherrschen?). So etwas muss doch benannt werden können, ohne dass es gleich als das wirre Geschwätz von Verschwörungstheoretikern abgetan wird. Auch ist es durchaus immer hilfreich hinzusehen, wem der Terror tatsächlich nützt.

Ich wäre der letzte, der den religiösen Fanatismus der iranischen Ajatollahs verteidigen wollte, aber jegliche Kritik an der amerikanischen Aussenpolitik – und ihrer objektiven Gefährlichkeit für Mensch und Natur – immer pauschal als antiamerikanistisch abgestempelt zu sehen, läuft mir mindestens genau so zuwider.
Update datetime=“2007-04-10T20:01:47+00:00″: den Link zu Malzahns Kommentar habe ich nicht absichtlich weggelassen, sondern schlicht vergessen: http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,474554,00.html

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